Foto: Michael Ziehl

Stadt-Politik: Gemeinsam nutzen statt einsam verbrauchen

08/11/2013

 

Beschreibung

Die Veranstaltung fand Ende Okober 2013 in Hamburg im Butt-Club an der Hafenstraße in Hamburg statt. Als Referenten waren zu gast: Dr. Heike Derwanz, Leiterin des Forschungsprojekts Low-Budget Urbanity an der HafenCity Universität Hamburg, der Kunst- und Kulturwissenschaftler Iver Ohm (citcollective – cross disciplinary initiative for urban commons) aus Wien und der Hamburger Autor und Recht-auf-Stadt-Aktivist Niels Boeing (Unser! Areal, FabLab St. Pauli). Moderiert wurde der Abend von Michael Ziehl (urban upcycling). Fast zwei Stunden lang lieferten sich die Podiumsgäste mit dem Publikum eine intensive Debatte um die Funktionsweise und die Bedeutung von solidarischen Wirtschaftsformen für die Stadtentwicklung.

In unseren Städten bestehen verschiedene Formen solidarischen Wirtschaftens und kollektiver Raumaneignung und -nutzung. Innerhalb von Tauschgemeinschaften, kleinen Genossenschaften, Gemeinschaftswerkstätten oder Stadtgärten nutzen Menschen Ressourcen gemeinsam, statt sie einsam zu verbrauchen. Solche Projekte fördern die Autonomie von Stadtbewohner_innen, etwa indem Nahrungsmittel in Stadtgärten selbst anpflanzt werden, Wohngemeinschaften sich selbst verwalten oder Kulturveranstaltungen organisiert werden, ohne dass daran jemand Außenstehendes mitbestimmt oder sich bereichert.

Am radikalsten umgesetzt wird solidarisches Wirtschaften durch das Commoning: In seiner emanzipatorischen Idealform lassen sich dadurch Privateigentum, Lohnarbeit, Wettbewerb, Markt und Wachstumszwang überwinden. Commons unterscheiden sich grundsätzlich von der kapitalistischen Produktionsweise. Allerdings sind Formen des solidarischen Wirtschaftens in den meisten Fällen räumlich begrenzt und mehr oder weniger eingebettet in das kapitalistische System. Daher werden sie allzu gerne für neoliberale Konzepte instrumentalisiert. Vor allem in Krisenzeiten werden Eigenleistung und Sparsamkeit auch von der herrschenden Politik angepriesen.

Entlang folgender Fragen wurde an dem Abend diskutieren: Wie lässt sich das emanzipatorische und transformatorische Potenzial von solidarischen Wirtschaftsformen stärken? Lässt sich der Commons-Ansatz auf weitere Bereiche der Stadtentwicklung übertragen? Welche Gestaltungsmöglichkeiten bietet das Commoning für eine sozial gerechtere Stadtentwicklungspolitik? Und wie könnte sie aussehen, die Stadt der Commons?

Der Abend hat ergeben, dass es in vielen Fällen notwendig ist, Eigentumsverhältnisse zu hinterfragen, wenn das emanzipatorische Potenzial von solidarischen Wirtschaftsformen gestärkt werden soll. Es gilt bestehende Gesetze auszuloten und anzuwenden um auf die Vergesellschaftung von Eigentum hinzuwirken. Zum Beispiel können Baugesetze genutzt werden um in Bebauungsplänen „Gemeinbedarfsflächen“ auszuweisen. So können soziale Zentren, gemeinschaftliche Hausprojekte und urbane Gärten gestärkt und geschaffen werden.

Formen des solidarischen Wirtschaftens finden aber nicht ausschließlich in Stadträumen statt. Sie sind beispielsweise auch im Bereich der Technik (FabLabs), von Infrastrukturen (KEBAP), der Mobilität (Mitfahrgelegenheiten), der Getränkedistribution (Premium Cola), der Nahrungsmittelversorgung (Food-Coops) und bei immateriellen Produkten (Creative Commons) etabliert. Hinzu kommen Praktiken des Teilens (Sharing-Practices), die in vielen Fällen ebenfalls auf Solidarität basieren und sich in weiten Bereichen des Alltags wieder finden (z.B. der Nachbarschaftshilfe).

Solidarischen Wirtschaftsformen werden permanent geschaffen. Sie existieren aufgrund der Praktiken und internen Aushandlungsprozessen von mehr oder weniger gefestigten Gemeinschaften. In manchen Fällen mündet das in einer Kommerzialisierung, wie beispielsweise bei einigen „Car-Sharing“-Unternehmen. Um solidarische Wirtschaftsformen weiterzuentwickeln und zu stärken, ist es notwendig, die gemeinschaftlichen Verhaltensweisen zu reflektieren und mit neuen Formen des Zusammenlebens zu experimentieren. Dadurch entsteht eine Stadtgesellschaft, die in dem Sinne sozialer ist, als dass Interaktionen direkter stattfinden. Auf dieser Basis lässt sich eine menschengerechtere Wirtschaft und Stadtentwicklung voranbringen.

 

Verantwortliche und Förderer

Veranstaltet von der Rosa Luxemburg Stiftung Hamburg in Kooperation mit dem Stadtpolitik der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Konzipiert und organisiert von Siri Keil, Katharina Weise und Michael Ziehl (urban upcycling).